In der Türkei herrscht nicht nur

Von unserem Korrespondenten Nico Sandfuchs, Ankara

Ankara. Dass die beeindruckende Beerdigung für Hrant Dink mit mehr als 100.000 Teilnehmern nur die Haltung eines Teils der stark polarisierten türkischen Gesellschaft wiederspiegelt, wurde von vielen Beobachtern von Anfang an betont. Dass aber gleich so viele Menschen  unter dem Motto „Wir sind alle Armenier!“ ihre Solidarität mit dem ermordeten Journalisten zum Ausdruck brachten, hat dennoch vielfach für  Überraschung gesorgt. In den Kolumnen zahlreicher türkischer Blätter wurde der Massenaufmarsch deshalb hoffnungsvoll als Aufbegehren der sonst häufig „schweigenden Mehrheit“ für eine offenere, tolerantere und demokratischere Türkei interpretiert.

Immer deutlicher wurde aber in den vergangenen Tagen, dass die Solidarität mit Hrant Dink, der für Demokraten wie für Ultranationalisten gleichermaßen längst zum Sinnbild einer fortschrittlichen und multikulturellen Türkei geworden ist, keinesfalls überall auf ungeteilte Zustimmung stößt. Bereits unmittelbar nach der Beerdigung hatten die einflussreichen rechtsradikalen Parteien MHP und BBP gegen die Verbrüderung mit den Armeniern Stimmung gemacht, indem sie die Gegenparole „Wir sind alle Türken!“ an ihre Anhänger ausgaben.

Nicht nur in manchen Fußballstadien wurde diese Parole daraufhin begeistert als Schlachtruf aufgegriffen, auch die meisten Parteien von links bis rechts haben sich inzwischen der Kritik an der Solidarisierung mit den Armeniern angeschlossen. In einem Jahr, in dem wichtige Wahlen ins Haus stehen, möchte sich kein türkischer Politiker dem Verdacht aussetzen, ein schlechter Patriot zu sein.

Dass die rechtsradikalen Parteien, deren Dunstkreis der Mörder Hrant Dinks angehört, mit ihrer Gegenkampagne nunmehr auch noch politisches Kapital aus dem Attentat zu schlagen suchen, ist allerdings nur die Spitze des Eisberges. Immer häufiger ist hinter vorgehaltener Hand auch die Ansicht zu hören, dass Dink durch die von ihm vertretene Meinung zumindest eine Mitverantwortung an seinem eigenen Tode trage.

Den traurigen Beweis dafür, dass Dinks Mörder sogar das Zeug zu einem „Volkshelden“ hat, lieferten ausgerechnet einige Angehörige der Sicherheitskräfte nach dessen Festnahme: Sie fotografierten den jugendlichen Attentäter kurzerhand in Heldenpose vor der türkischen Nationalfahne. Einigen Meldungen zufolge soll der jugendliche Attentäter auch im Gefängnis besonders zuvorkommend von den Wärtern behandelt worden sein.

Vier der beteiligten Beamten sind inzwischen vom Dienst suspendiert worden, vier weitere wurden strafversetzt. Ministerpräsident Tayyip Erdogan lehnt es aber bislang ab, nunmehr auch den Kopf des zuständigen Innenministers rollen zu lassen. Auch bei dieser Entscheidung mag der bevorstehende Wahlkampf eine Rolle gespielt haben. Innenminister Abdülkadir Aksu  wird als Repräsentant der kurdischstämmigen Wähler der Regierungspartei AKP gesehen.

Angesichts des Festhaltens an Aksu mehren sich indessen die Stimmen, die anzweifeln, ob Erdogan wirklich, wie versprochen, Licht in das Dunkel um den Mordfall Dink bringen und „rücksichtslos die notwendigen Konsequenzen“ ziehen wird.

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