Gewalt gegen Frauen – Legitimiert durch den Begriff der Ehre

von Perihan Ügeöz

In Sachen Gewalt gegen Frauen ist die Türkei Spitzenreiterin im Nahen Osten! Mit dieser Feststellung wurde in der letzten Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift Violence against Women der aktuelle Bericht des Worldwatch Institute zusammengefasst. Nach Forschungsangaben des Instituts sind 58 % aller türkischen Frauen Opfer von Gewalt. Selbst Bangladesch mit 47 % und Äthiopien mit 45% schneiden besser ab als die Türkei. Der Bericht des Instituts stellt ferner fest, dass in der Türkei 51 % aller verheirateten Frauen über 19 Jahre innerhalb der Familie Gewalt ausgesetzt sind.

Gewalt ist in der Tat ein verbreitetes Phänomen wie auch Problem innerhalb der türkischen Gesellschaft. Ob Kind, Mann oder Frau, breite Bevölkerungskreise leben Seite an Seite mit Gewalt. Tritt jedoch der Geschlechtsfaktor in den Vordergrund, so steigt die Zahl vor allem der Mädchen und Frauen, die verschiedene Formen von Gewalt wie insbesondere auch physische erdulden müssen oder ihr schlicht tödlich zum Opfer fallen. Ob durch Ehemann, Bruder oder Eltern, ein Großteil der Gewalt an Frauen wird in den Familien verübt.

Zu diesem Ergebnis kommen auch landesinterne Forschungen. Vor nur wenigen Tagen wurden zum Beispiel die Ergebnisse des Forschungsprojektes: “Für Gleichheit Brücken zwischen den Generationen” bekannt gegeben. Es handelt sich um ein mit EU-Mitteln unterstütztes Projekt des Frauenvereins KAGIDER, das in 6 türkischen Städten Formen und Ursachen der Gewalt gegen Frauen erforschte. Akademikerinnen, die an der Forschung beteiligt waren, sind sich in dem Punkt einig: Wenn auch nicht das einzige, aber doch das wirksamste Gewaltinstrument gegen Frauen ist der Begriff der Ehre. Zugleich erfüllt dieser Begriff die Funktion, die an der Frau verübte Gewalt zu legitimieren. Da die Definition von Ehre fast ausschließlich über die Frau und ihren Körper erfolgt, wird im Falle von Zuwiderhandlung das Recht auf Bestrafung der Familie erteilt. Da gleichzeitig auch die Würde der Familie und insbesondere die des Mannes einzig über die Ehre der Frau definiert wird, verwandelt sich das herrschende Verständnis von Ehre in ein Gewalt- und Unterdrückungswerkzeug gegen Frauen.

Schuld ist die frauenfeindliche Doppelmoral und nicht der Begriff selber

Zur Ehrenrettung des Begriffs der Ehre selbst muss natürlich erwähnt werden, dass er nach seiner lexikalischen Bedeutung zunächst keinen unmittelbaren Bezug zur Sexualität aufweist und schon gar nicht einzig in Assoziation mit der der Frau. Das Wort “namus” steht im Türkischen für Ehre und umfasst nach dem Lexikon fast so wie im Deutschen Gerechtigkeit, Tugendhaftigkeit und Achtungswürdigkeit einer Person. Dass innerhalb breiter Kreise der Bevölkerung namus hauptsächlich als ein Problem der Frau und ihrer Sexualität aufgefasst wird, hängt nicht nur mit den strengen Sitten- und Moralvorstellungen des Kollektivs zusammen, in die die Familien und ihre Mitglieder sowohl bedingungslos eingebunden sind als auch jedoch eine Einheit davon bilden. Verantwortlich dafür ist auch die benachteiligte, um nicht zu sagen zweitklassige gesellschaftliche Stellung der Frau, die mit dafür sorgt, dass dem Mann die soziale Rolle des Beschützers zuteil wird und der Frau die eines in ökonomischer, physischer wie auch psychischer Hinsicht bemitleidenswerten und darum beschützenswerten Objekts. Es liegt sodann in der Natur dieser strengen Rollendifferenzierung, dass sie nicht  nur eine ebenso strenge Geschlechtertrennung mit ungleichen Privilegien und Rechten zwischen Mann und Frau fördert, sondern einzig dem Mann die Legitimität gewährt, über der Frau mitsamt ihrem Körper zu wachen, damit diese nicht beschmutzt werde. Zum Beispiel wird die Treue als eine soziale Tugend hervorgehoben. Während aber von Frauen erwartet wird, dass sie tatsächlich mit Haut und Knochen treu und ergeben sind, ist dem Mann das Privileg beschieden, von der Frau zu erwarten, dass sie über seine Untreue hinwegsieht.

Wagt es eine Frau, sich der ihr zugeschriebenen Rolle der vollkommenen Unterwürfigkeit zu widersetzen oder gegen die strengen Sitten- und Anstandsvorstellungen ihres Kollektivs auch nur im leisesten aufzubegehren, begeht sie nach dem herrschenden Verständnis von Ehre eine Schuld unermäßlichen Ausmaßes. An der Art, was nicht alles als Bruch der Ehre und damit Verstoß gegen die patriarchalischen Regeln ausgelegt werden kann, kommt nicht nur die Beliebigkeit bei der Auslegung des namus-Begriffs zum Ausdruck. Sie widerspiegelt auch das tragische Leid der Frauen und legt ein ergreifendes Zeugnis ab von der frauenfeindlichen Gesinnung, die innerhalb der Gesellschaft herrscht. Als Bruch der Ehre kann beispielsweise gelten: wenn eine Frau sich am Fenster zeigt, sich ein romantisches Lied im Radio anhört, zu laut lacht, eine Jeanshose anzieht, ohne Kopfbedeckung und langen Rock auf die Straße geht, auf einer Hochzeit aufsteht und mittanzt, einen Mann - sei es auch nur verstohlen - anschaut, von einem Mann angemacht wird, sich gegen die Heiratspläne ihrer Eltern stemmt, geplagt von der Gewalt ihres Ehemannes schließlich Zuflucht bei ihren Eltern sucht, Opfer einer Vergewaltigung wird .... 

Damit die Beschmutzung der Ehre bereinigt und Sitte und Anstand wiederkehrt, muss die Ehrbrüchige bestraft werden. Je stärker das Kollektiv den sozialen Alltag und die Regeln des Zusammenhalts bestimmt, um so strenger sind seine Vorstellungen von Anstand und Sitte und damit um so unverzeihlicher Ungehorsam und schließlich desto gnadenloser sind die Formen der Strafe bei Ehrbruch. Die gewählten Strafvarianten reichen von Schlägen und Ausgehverboten über Anstiftung zum Selbstmord bis hin zur Ermordung der Ehrbrüchigen per Beschluss des Familienrats oder des Klans durch einen männlichen Verwandten. Nach Angaben des türkischen Menschenrechtsvereins sind im vergangenen Jahr 36 Frauen den so genannten Ehrenmorden tödlich zum Opfer gefallen. 

Die regierende islamisch konservative AKP konserviert die Unterdrückung der Frau

Insbesondere nach den Wahlen im vergangenen Juli hat die regierende AKP verschiedene so genannte Reformvorhaben auf die Tagesordnung gebracht. In Bezug auf eine Verbesserung des benachteiligten gesellschaftlichen Status der Frau bieten sie jedoch keinerlei Perspektive. Im Gegenteil, sie stellen den Frauen keine anderen Alternativen in Aussicht als Ehe, Abhängigkeit vom Mann und Verbannung in die Familie. Da ist zum einen das Beispiel mit einem neuen Verfassungsentwurf, das die AKP unmittelbar nach dem Wahlsieg in Angriff genommen hat. Während in der bestehenden Verfassung das Gleichheitsprinzip zwischen Mann und Frau immerhin verankert ist, wird im neuen Entwurf an diesem Prinzip Änderung vorgenommen und die Frau in einem Atemzug mit Kindern und älteren Menschen der Kategorie der besonders Schutzbedürftigen zugeordnet und damit unter die „Protektion“ der Männer gestellt. Ein zweites Beispiel: Obwohl der türkische Arbeitgeberverband TISK angesichts der jüngst veröffentlichten verheerend hohen Zahl von jungen Frauen, die im arbeitsfähigen Alter ohne Arbeit und Bildung Zuhause sitzen, zu einer nationalen Mobilmachung gegen die Einstellung „Der Platz der Frau ist ihr Zuhause“ aufgerufen hat, hat in der selben Zeit der Ministerpräsident Erdogan sich gegen eine Quotenregelung zugunsten der Frauenförderung im neuen Beschäftigungspaket gestellt und behauptet, sie würde gegen das Gleichbehandlungsprinzip verstoßen und Diskriminierung hervorrufen. Ein weiteres Beispiel ist das neue Sozialversicherungsreformpaket, in dem den Frauen sowohl bei ihren Gesundheits- als auch Rentenansprüchen gegenüber den bestehenden Regelungen eine erhebliche Verschlechterung in Aussicht gestellt wird.

Dass den Frauen keine anderen Alternativen als Ehe, Familie und das heilige Konzept der Mütterlichkeit geboten werden, wurde anlässlich der 8. März-Ansprachen des Ministerpräsidenten Erdogan noch einmal in aller Offenheit deutlich. Er forderte die türkischen Frauen auf, mindestens drei Kinder zu gebären. Nur kurz darauf kam vom Gesundheitsminister auch schon die Bestätigung und Unterstützung dieses Appells. Eine weitere „Bescherung“ an die Frauen zum Anlass des Frauentags kam schließlich vom Präsidenten des Amtes für religiöse Angelegenheiten: Frauen, die sich an  feministischer Frauenbewegung beteiligen, würden eine Vielzahl von für die türkische Familie unverzichtbaren Werten und Regeln zunichte machen.

Um andere Beispiele aufzustöbern, die zeigen würden, dass die regierende AKP für die Frau etwa doch eine andere Perspektive in Aussicht stellt als Ehe, Familie und Kinder, müsste man vergeblich grübeln. Innerhalb der türkischen Kultur hat die Familie zweifellos einen hohen Stellenwert; sie ist der Kern und das Herzstück des Kollektivs und die Bindungen zwischen den Familienmitgliedern sind im hohen Maß alltagsbestimmend. Nun ist aber die Familie gleichzeitig auch eine besondere Brut- und Vollzugsstätte von Gewalt an Frauen. Innerhalb der Öffentlichkeit herrscht zwar die Auffassung, dass die Strasse für die Frau höchst unsicher und gefährlich sei. Jahr für Jahr belegen jedoch Gewaltuntersuchungen, dass die Gewaltpotentiale innerhalb der Familien die Gefahren auf der Strasse bei weitem übertreffen. Eine dieser Forschungen ist im Eingang bereits erwähnt worden. Andere, von türkischen Organisationen durchgeführte Untersuchungen zeigen, dass von allen vier Frauen jede Dritte von ihrem Ehemann verprügelt wird. Dass die strafende Funktion von Familie insbesondere bei so genannten namus-Brüchen um mehrfach gnadenloser in Aktion tritt, ist ebenfalls bereits angesprochen worden.

Wohl ist es wahr, dass die Regierung der AKP in Zusammenarbeit mit verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen auch Kampagnen gegen Gewalt in der Familie unterstützt. Aber wie auch die Frauenrechtlerin Gülnur Savran bemerkt, solange den Frauen keine andere Perspektive als Ehe und Familie geboten wird und solange man sich an einem der Gewaltherde wie der Familie solchermaßen fest klammert, bieten diese Kampagnen weder ernsthafte Lösung für das Gewaltproblem noch Glaubwürdigkeit. 

Quellen:
1) Türkan Yalcin Sancar: Kadinlar, töreler ve ötekiler. In: Radikal Iki, 9. März 2008
2) Gülnur Acar Savran: Kadin düsmanliginin yeni yüzü. In: Radikal Iki, 16. März 2008

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