«Abschreckungstherapie verfehlte ihre Wirkung, das Volk zeigt Mut»
«In der Welt geht ein Gespenst um, es heisst Demokratie»: Weltwoche-Verleger und –Chefredaktor Roger Köppel.
Herr
Köppel, «Die Schweiz fällt hinter die Aufklärung zurück», titelt heute
«Die Welt». Als Sie dort noch Chefredaktor waren, wäre Ihr Kommentar
wohl anders ausgefallen?
Ich hätte so etwas tatsächlich nicht zugelassen. Es ist eine
unglaubliche intellektuelle Arroganz, die da zum Ausdruck kommt. Sie
zeigt, dass der journalistische Mainstream Mühe hat mit demokratischen
Volksentscheiden. Die Annahme der Initiative zeugt ja nicht, wie
überall behauptet wird, von Ängstlichkeit und Schwäche, sondern von
Stärke. Der Volksentscheid zum Minarett-Verbot ist Ausdruck eines
offensichtlichen Unbehagens gegenüber dem politischen Islam. Er kam
zustande, obwohl die Initiativgegner eine gewaltige
Einschüchterungskampagne lanciert haben. Das Stimmvolk hat mit einem
«Ja» Mut bewiesen.
Andere
Zeitungen von Weltruhm sprechen von «einem perversen Votum» («Times»),
«einer grossen Peinlichkeit» («NY Times») «einer Katastrophe»
(Süddeutsche»), oder von einem «politisch feigen» Entscheid («Wall
Street Journal»). Liegen sie alle falsch?
In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um: Es heisst Demokratie.
Es wäre deshalb an der Zeit, dass unsere politischen
Entscheidungsträger dem Ausland endlich einmal erklären, dass die
Bürger in der Schweiz über wichtige politische Fragen selber abstimmen
können. Bevor sich die Amerikaner und die Deutschen über unsere
Demokratie entrüsten, sollten sie sich für mehr Demokratie bei sich zu
Hause einsetzen. Ich wäre sehr gespannt, was eine Minarettabstimmung in
Deutschland brächte.
Die Kommentare zeigen doch vor allem: Die Schweiz steht im Ausland einmal mehr sehr schlecht da.
Das sehe ich anders. Ist die gouvernemental-mediale Entrüstung, die da
zelebriert wird, repräsentativ? Ich zweifle. Wie in der Schweiz
schätzen die Medien auch im Ausland die Stimmung im Volk völlig falsch
ein. Dabei sind in Deutschland 82 Prozent der «Bild»-Leser gegen
Minarette, offenbar auch 78 Prozent der «Spiegel»-Leser. Und auch in
Holland ergab eine Untersuchung, dass das Volk die Schweiz als
leuchtendes Beispiel der Demokratie erachtet. In den Medienhäusern
bestehen geringe Kenntnisse darüber, was eine direkte Demokratie ist.
Da müssten der Bundesrat und unsere Diplomatie aufklärerisch dagegen
halten.
Wie denn?
Der Bundesrat müsste konsequent Medienleute zu sich zitieren, die
solche Kommentare schreiben. Und Organisationen wie Präsenz Schweiz
müssten vor Ort Aufklärungsarbeit leisten. Dass dies passiert, ist
allerdings unwahrscheinlich. Stattdessen wird der Bundesrat wohl wieder
einmal einknicken: Er wird den Stimmen aus dem Ausland Recht geben,
sich Asche aufs Haupt streuen und mithelfen, damit die europäischen
Gerichte den Entscheid noch umbeugen können.
Bundesrätin
Widmer-Schlumpf fürchtete, dass sie sich wohl am heutigen Treffen mit
anderen Justizministern Europas einige Kritik anhören müsse…
…diese Wehleidigkeit ist eine Unsitte. Frau Widmer-Schlumpf wird nicht
dafür bezahlt, dass sie sich im Ausland für demokratische
Volksentscheide entschuldigt. Sie hat zu unseren Institutionen zu
stehen und sich nicht schon von vorneherein mit der anderen Seite zu
solidarisieren. Das ist völlig falsch. Es unterstreicht allerdings auch
den Windfahnencharakter der Bundesrätin, den wir ja auch schon in
anderen Belangen wie etwa im Fall Polanski kennen gelernt haben. In der
Schweiz ist das Volk der Souverän. Der Bundesrat muss den Volkswillen
umsetzen und nicht parteipolitische Vorlieben ausleben.
Es
besteht die Gefahr, dass die arabische Welt die Verbotsinitiative als
pauschales Votum gegen den Islam aufnimmt. Wie sollte die Schweiz
reagieren, wenn auf sie eine Empörungswelle zuschwappt?
Erstens: Wenn es um demokratische Grundrechte geht, darf sich die
Schweiz aufgrund von politischen Opportunitäten nicht einschüchtern
lassen. In einer Demokratie muss es immer ein Ja oder Nein geben. Sonst
wird das Land erpressbar. Zweitens: Es ist nun die Aufgabe unserer
Diplomatie, wenn nötig besänftigend einzuwirken, wo es nötig ist. Hier
könnte Micheline Calmy-Reys Diplomatie ansetzen.
Sie
waren im Abstimmungskampf einer der prononciertesten Befürworter der
Minarett-Initiative. Spüren Sie nun so etwas wie Genugtuung?
Ich war anfangs skeptisch gegenüber der Initiative. Als ich aber die
Reaktionen der Elite gesehen habe, und auch jene der
Muslim-Organisationen, wurde ich im Laufe der Auseinandersetzung zu
einem Befürworter des Minarett-Verbots. Das Thema Islam ist wichtig und
wurde in der Schweiz aus Bequemlichkeit und Feigheit immer verharmlost.
Die
SVP prüft nun bereits die Einführung des Kopftuch-Verbots und
CVP-Präsident Christophe Darbellay plädiert für ein Burka-Verbot.
Wir haben in der Schweiz eine interessante Islam-Debatte. Nun kommen
die üblichen populistischen Nachholgefechte, alle wollen auf den Zug
aufspringen. Ich persönlich bin allerdings skeptisch, wenn der Staat
auch noch in die Kleiderordnungen eindringen will. Minarette sind
Ausdruck des politischen Islams. Deshalb ist Misstrauen angesagt. Wenn
aber eine Frau ein Kopftuch tragen will, soll man ihr das doch nicht
verbieten. Kurzum: Wir dürfen nicht aus Populismus unsere freiheitliche
Ordnung aufgeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Hesperophobia (fear or hatred of the West).
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